Wörter und Zeichen
Kurzgeschichten veröffentlichen auf Deutsch und auf Englisch
Dieser Artikel stammt aus Zwielicht Classic 20 (Hrsg.: Michael Schmidt) und erscheint hier in Absprache mit dem Herausgeber.
Seit 2004 veröffentliche ich Kurzgeschichten auf Deutsch. Ich schreibe Science-Fiction, Fantasy, Horror und mehr. Solange es mit „Genre“ zu tun hat, versuche ich mich gerne daran. Im Jahr 2020 habe ich dann angefangen auch Geschichten auf Englisch zu veröffentlichen. Ist ja dasselbe, nur einfach eine andere Sprache.
Nicht ganz. Man erkennt nämlich schnell, dass es zwischen deutsch- und englischsprachigen Storys mehr Unterschiede gibt als nur die Sprache. Gerade in Genres wie Science-Fiction, Fantasy und Horror zeigen sich diese besonders deutlich – in Struktur, Länge, Tradition und sogar darin, wie Texte bewertet und veröffentlicht werden. Da drängt es sich einfach mal auf, das Veröffentlichen von Kurzgeschichten in diesen beiden Sprachen zu vergleichen.
Messen mit anderen Maßstäben
Das Erste, was auffällt: Wie lang ist eine Kurzgeschichte eigentlich? Darüber sind sich Deutsche und Angloamerikaner grundsätzlich uneinig – schon bei der Maßeinheit.
Im Deutschen wird die Länge in Zeichen gemessen (inkl. Leerzeichen). Das kommt aus der Tradition der Druckbranche und Verlage – Redaktionen kalkulieren Platzbedarf nach Zeichen, nicht nach Wörtern. (Traditionell gibt es auch noch die Standardseite, diese wird aber bei Kurzgeschichten i.d.R. nicht mehr verwendet)
Typisch sind 2.000 – 30.000 Zeichen für eine Kurzgeschichte.
Im Englischen wird die Länge in Wörtern gemessen (word count). Fast alle englischsprachigen Verlage, Wettbewerbe und Magazine arbeiten ausschließlich damit, und es ist i.d.R. auch die Grundlage für die Vergütung.
Typisch sind 1.000 – 7.500 Wörter für eine Short Story.
Warum Zeichen statt Wörter? Deutsche Wörter sind im Schnitt deutlich länger als englische (Donaudampfschifffahrtsgesellschaft lässt grüßen). Eine Zählung nach Wörtern würde deutsche Texte systematisch benachteiligen – ein 500-Wörter-Text auf Englisch kann deutlich mehr Inhalt enthalten als derselbe auf Deutsch.
Das englische Kategoriesystem – präzise bis zur Obsession
Im englischsprachigen Markt ist die Länge einer Geschichte nicht nur ein Richtwert – sie definiert eine eigene Gattung mit eigenem Namen, eigenen Märkten und eigenen Wettbewerben. Wer submittiert, muss wissen, was er schickt.
Englische Kategorien nach aufsteigender (typischer) Wortanzahl:
Drabble exakt 100 Wörter
Kein einziges mehr, kein einziges weniger. Ein strenges Kunstformat – ähnlich dem Haiku. Titel zählen nicht dazu.
Flash Fiction bis 1.000 Wörter
Schnell, direkt, oft mit einem Twist am Ende. Eigenes boomendes Subgenre mit vielen Online-Magazinen
Short Story 1.000 – 7.500 Wörter
Die klassische Kurzgeschichte. Der Mainstream-Markt, Anthologien, Magazine.
Novelette 7.500 – 17.500 Wörter
Im Deutschen kaum bekannt. Hat eigene Hugo- und Nebula-Award-Kategorien in der SF/F.
Novella 17.500 – 40.000 Wörter
Zwischen Roman und Kurzgeschichte – boomt gerade als eigenständiges Format, besonders in der SF. Viele SF-Klassiker sind eigentlich keine Romane (Novels), sondern eben Novellas.
Novel ab 40.000 Wörter
Der eigentliche Roman.
Auf Deutsch gibt es kaum vergleichbare Bezeichnungen. „Kurzgeschichte“, „Erzählung“ und „Novelle“ existieren zwar – aber die Grenzen sind weicher, und ein Verlag würde wohl kaum ein Manuskript ablehnen, einzig und allein, weil es 7.600 statt 7.499 Wörter hat. Im Englischen kann das tatsächlich passieren. Diese Einteilungen sind nicht nur theoretisch – sie entscheiden oft darüber, wo du veröffentlichen kannst, ob du für Preise zugelassen bist und wie viel du bezahlt bekommst.
Ein auffallender Unterschied liegt beim Begriff Novelle/Novella vor. Während dies im Englischen eine reine Längenkategorie ist, wird eine „Novelle“ im Deutschen i.d.R. auch über den Inhalt definiert.
Im Deutschen gibt es allerdings noch eine Kategorie, die es so im Englischen nicht gibt, das ist der Heftroman. Eine feste Länge von 64 zweispaltige Seiten, das bedeutet ungefähr 160.000 – 190.000 Zeichen, was je nach Formatierung 20.000 bis 30.000 Wörtern entspricht, also im Englischen eine Novella wäre.
Für die meisten deutschen Leser sind Drabbles sicher unbekannt, obwohl es sie auch auf Deutsch gibt. Diese Form verlangt, mit exakt 100 Wörtern eine Geschichte zu erzählen, nicht nur eine Vignette. Für mich waren Drabbles der Einstieg in das Veröffentlichen auf Englisch. 100 Wörter, das schien mir erstmal eine überschaubare Aufgabe zu sein. Im Angloamerikanischen sind Drabbles überraschend verbreitet. Es erscheinen auch Anthologien, die nur Drabbles sammeln und es gibt eigene Ausschreibungen dafür. Wie bei den meisten Kurzformen ist die Geschichte dann auf eine Pointe ausgerichtet, dies ist allerdings nicht zwingend. Es gibt kleine Meisterwerke, die einen einfach mit einem überraschenden Gefühl zurücklassen. Die Form lädt auch zum Spielen ein. So habe ich in einer Anthologie einmal acht zusammenhängende Drabbles veröffentlicht, die jedes für sich standen, in Summe aber eine zusammenhängende Geschichte erzählt haben.
Im Deutschen hat man das Gefühl, dass für die Leser von Kurzgeschichten gilt, je länger, umso besser. Auch bei den Literaturpreisen werden längere Geschichten eher nominiert. Dem steht im Englischen die Kategorie des Flash gegenüber. Kurze knappe Geschichten, bei denen man jedes Wort auf die Goldwaage legen muss. Die Länge macht diese Art Geschichten zu beliebten Stories für das Onlineformat, da man sie locker mal zwischendurch am Bildschirm lesen kann. Gerade für Patreon werden immer wieder Flashstories gesucht. Natürlich haben auch diese ihre eigenen Anthologien und Ausschreibungen. Da sollte man aber jedes Mal prüfen, wie lang die Texte sein dürfen, denn Magazine wie Crepuscular und Anomaly suchen Flash nur bis 300 oder 500 Wörter, während es Ausschreibungen gibt, die Flash auch bis 1500 Wörter akzeptieren.
Interessant ist, dass es auch Anthologien gibt, die beides, also Flash und Short Story suchen, aber eine Geschichte mit z.B. 1900 Wörtern trotzdem nicht passt, weil z.B. Flash bis 1200 Wörtern und Short Stories ab 2500 Wörtern gesucht werden.
Märkte und Submission-Kultur
Der englischsprachige Markt ist schlicht riesig: Magazine wie Clarkesworld, Beneath Ceaseless Skies oder The Magazine of Fantasy & Science Fiction usw. kaufen Geschichten von Autoren weltweit. Hinzu kommen Hunderte Online-Magazine, Hunderte jährliche Anthologie-Calls, Tausende aktive Leserinnen.
Um das mit ein paar Beispielen zu unterlegen: laut der Marktübersicht des Locus Magazines hatte 2025 z.B. das professionelle Magazin Clarksworld ungefähr 4.550 Abonnenten, davon 900+ für die gedruckte Ausgabe. Hinzu kommen nochmal 200+ digitale und 50 gedruckte einzeln verkaufte Ausgaben. Das Semiprozine Beneath Ceaseless Skies hatte 2025 eine monatliche durchschnittliche Besucherzahl von 95.000 (unique views) und ihr Podcast mit Vertonungen der Geschichten wurde im Schnitt 8.300-mal runtergeladen. Flash Fiction Online, ein auf Flash spezialisiertes Semiprozine (zahlt aber pro Original 100 USD), hat im Schnitt ~11.000 unique views und verkauft 170 digitale Ausgaben pro Nummer. Für Drabbles, die ja etwas mehr Niche sind, konnte ich solche Zahlen nicht finden, aber als Anhaltspunkt mag hier 100-Foot Crow dienen, die Pro Rates zahlen und ein Drabble pro Woche veröffentlichen. Schon in ihrem ersten Jahr haben sie die Marke von 500 E-Mail-Abonnenten überschritten.
Der deutschsprachige Markt für Kurzprosa ist kleiner, persönlicher und viel enger vernetzt – oft kennt man sich. Es dominieren die Anthologie, insbesondere Themenanthologien, die die Auswahl der Geschichten auf ein vorgegebenes Thema einengt. Die Überschaubarkeit hat Vorteile, aber nicht nur. Wenn man z.B. bei einer Ausschreibung, die Geschichten mit zyklopischen Zwergen sucht (ist jetzt ein überspitztes Beispiel) eine Ablehnung bekommt, dann hat man kaum eine Möglichkeit, diese Geschichte noch mal wo anders einzureichen. Das ist beim breiten Angebot im englischsprachigen Raum dagegen durchaus möglich.
Im Englischen gibt es den Spruch, dass man als Autor versuchen sollte, auf 100 Ablehnungen im Jahr zu kommen, was letztendlich bedeutet, dass man mindestens 100-mal etwas eingereicht hat. Im deutschen Sprachraum wird man dagegen keine 100 Ausschreibungen im Jahr finden.
Wenn sich der Leser jetzt wundert, warum ich hier von Ablehnungen rede, man will doch sicher angenommen werden? Natürlich, aber bei Ausschreibungen im Englischen, an denen sich Autoren aus aller Welt beteiligen, kann es schon sein, dass für 15 Anthologieplätze 600+ Einsendungen kommen. Eine Ablehnung ist somit einfach der Normalfall.
Dies führt dazu, dass die Ausschreibenden versuchen, sich das Leben möglichst zu vereinfachen. Das Mittel dazu sind die sehr präzisen „Submission Guidelines“, oft nicht nur mit exakten Formatvorgaben (Schriftart, Einzüge, Absätze …), sondern auch Vorgaben für das Anschreiben und die Form der Biografie.
Wenn man im Deutschen etwas einreicht, dann sind die Vorgaben, wenn überhaupt, oft sehr gering. Vielleicht soll man spezielle Zeichen für die Anführungszeichen bei der direkten Rede verwenden oder eine bestimmte Länge bei der Biografie nicht überschreiten.
Im Englischen ist das ein ganz anderes Kaliber. Wenn man das erste Mal bei einem neuen Verlag einreicht, kann es auch mal einen Nachmittag kosten, bis man den fertigen Text in das gewünschte Format gebracht hat und alle Bedingungen für das Anschreiben erfüllt. Das kann so weit gehen, dass irgendwo in den Vorgaben steht, wie die Anrede im Anschreiben zu lauten hat. Wer sich jetzt wundert, was das soll? So kann man schon in der ersten Zeile erkennen, ob der Autor die Vorgaben gelesen hat. Denn bei der Masse der Einsendungen ist oft die kleinste Abweichung schon Grund genug, um aussortiert zu werden. Es sind ja noch hundert andere Texte da.
Verträge: Spielregeln und Exklusivität
Während ich im Deutschen früher selten Verträge zur Veröffentlichung zu unterschreiben hatte, kommt dies inzwischen deutlich öfter vor. Doch meist erhält man einfach eine Mail vom Herausgeber in der Art „Glückwunsch, du bist dabei.“
Im Englischen sind Verträge die Regel und können auch mal 3-4 Seiten lang sein, unabhängig von der Länge der Story. Geregelt wird genau, welche Rechte der Verlag für wie lange erhält, welche Mitarbeitspflichten der Autor hat (z.B. bei der Überarbeitung) und die Vergütung.
Davon abgesehen ist hier der wichtigste Punkt, wie lange der Verlag die Story exklusiv nutzen darf. Das kann jeder Zeitraum sein, oft zwischen 90 Tagen und einem Jahr und bedeutet, dass in diesem Zeitraum kein anderer Verlag (oder auch man selbst) diese Geschichte veröffentlichen darf. Erst wenn diese Zeit abgelaufen ist, kann man versuchen, die Story woanders als Reprint unterzubringen oder sie auf die eigene Webseite stellen.
Vergütung: Belegexemplare sind kein Muss
Bei Kurzgeschichtenveröffentlichungen im deutschsprachigen Raum ist es der Standard ein Belegexemplar zu bekommen. D.h. wenn das Buch gedruckt veröffentlicht wird, erhalte ich ein Exemplar davon (In ganz seltenen Fällen sogar mehr als eins). Seltener kommt es vor, dass man zusätzlich anteilig am Verkaufserlös partizipiert.
Im Englischen ist das anders. Es gibt zwar den Begriff Belegexemplar (contibutor copy) aber es ist nicht selbstverständlich, dass man eines bekommt. Oft erhält man nur ein digitales Exemplar (wenn überhaupt). Das mag auch daran liegen, dass die Versandkosten für gedruckte Bücher in den letzten Winkel der Welt oft teurer sind als das Buch.
Bei der Vergütung werden im englischsprachigen Markt folgende Kategorien unterschieden:
- Non-paying: Keine Vergütung
- Token Payment: Ein kleiner symbolischer Betrag z.B. 5 GBP
- Semi-Pro: Ein paar Cent pro Wort.
- Pro-Rate: Die professionellen Mindestvergütungssätze für Autoren unterscheiden sich je nach Genreorganisation.
SFWA (Science-Fiction & Fantasy Writers Association): mindestens 8 Cent pro Wort (USD)
HWA (Horror Writers Association): mindestens 5 Cent pro Wort (USD).
Wenn du also eine 5.000-Wort-Geschichte an ein großes Magazin wie Clarkesworld oder Asimov’s verkaufst, kannst du dir zwar keinen Sportwagen davon kaufen, aber wenigstens mehrmals Volltanken.
Lesegebühren: Zahlen, um abgelehnt zu werden?
Lesegebühren (reading fees), was bitte ist denn das? Wie schon erwähnt kommen bei Ausschreibungen in Englisch oft Hunderte von Einsendungen. Deshalb werden zum Sichten sogenannte „Slush-Reader“ (Erstleser) eingesetzt, die vorsortieren. Der Herausgeber schaut sich dann oft nur die Beiträge an, die ihm von den Erstlesern empfohlen werden. Um diese Erstleser zu vergüten, erheben manche Verlage deshalb eine Lesegebühr bei der Einreichung. (Dies hauptsächlich bei „literarischen“ Veröffentlichungen, es kann aber auch mal bei Genre vorkommen.)
Oft handelt es sich nur um einen kleinen Betrag z.B. 3 USD. Trotzdem muss jeder Autor für sich selbst entscheiden, ob er bereit ist, für eine Ablehnung auch noch zu bezahlen.
Dies kann aber auch zu Auswüchsen führen. Dieser Tage ist mir ein Online-Magazin untergekommen, non-paying, das eine Lesegebühr von 15 GBP gefordert hat. Da liegt es nahe, anzunehmen, dass der Verlagszweck nicht im Verkauf an den Leser besteht.
Fazit: Zwei Sprachen, unterschiedliche Ökosysteme
Wer in beiden Sprachen schreibt und veröffentlicht, muss sich in zwei verschiedenen Ökosystemen auskennen – nicht nur die Grammatik und das Vokabular der jeweiligen Sprachen ist wichtig, sondern auch die verschiedenen Vorstellungen davon, was eine Kurzgeschichte ist, wie lang sie sein darf, wie sie verkauft wird und was Erfolg bedeutet.
Ich möchte keines von beiden missen und genieße es, in beiden Welten ein wenig mitzumischen. Im Deutschen die überschaubare Gemeinschaft und die persönlichen Bekanntschaften. Im Englischen die größere potenzielle Leserschaft und die Tatsache, dass kürzere Texte, die ich gerne schreibe, ihre eigene Fangemeinde haben.